Das Zittern der Scheiben
Die Nacht war stiller als sonst.
Kein Wind. Kein Tropfen. Nur das ferne, gleichmäßige Summen der Stadt, gedämpft, als hätte sie den Atem angehalten.
Liora saß am Schreibtisch. Die Kerze vor ihr war fast heruntergebrannt. Der Docht glomm noch einmal auf, zuckte – und erlosch.
Dunkelheit.
Nicht sofort beängstigend. Eher vollständig. Als hätte jemand den Raum geschlossen.
Dann begann das Zittern.
Kein Geräusch. Kein Stoß.
Man hörte nichts – man fühlte es.
Ein feines Beben, das sich nicht lokalisieren ließ. Nicht von draußen. Nicht von den Wänden. Es schien aus der Luft selbst zu kommen. Ein Summen, das sich im Körper festsetzte, in den Knochen, in den Zähnen. Als würde der Raum leise gestimmt.
Liora stand auf. Barfuß. Der Boden war kälter als erwartet. Sie ging zum Fenster.
Draußen lag die Stadt im Schatten. Fast alle Lichter waren erloschen. Dann – in manchen Fenstern, nicht in allen – flackerte ein blasses Glühen auf. Unregelmäßig. Kein Signal. Kein Muster. Und doch hatte es etwas Rhythmisches. Wie ein Atem, der nicht zu einem Körper gehörte.
Sie legte die Hand an die Scheibe.
Die Oberfläche vibrierte leicht. Kaum wahrnehmbar. Und doch eindeutig.
Nicht stark genug, um zu erschrecken. Zu präzise dafür.
Als würde etwas reagieren.
In der Spiegelung des Fensters bewegte sich etwas. Nicht sie selbst. Der Raum hinter dem Glas schien sich zu verformen, als würde die Scheibe von innen weich werden. Sie wölbte sich minimal, ohne zu brechen. Als würde sie atmen.
Ein Klopfen.
Nicht laut. Kein richtiges Geräusch.
Eher ein zufälliger Stoß.
Von innen oder außen – sie konnte es nicht sagen.
Das Zittern verstärkte sich. Es ging nun durch die ganze Wohnung. Durch das Holz der Wände, durch den Tisch, durch die Luft. Die Dinge begannen mitzuschwingen. Liora spürte, wie ihr eigener Puls sich anpasste. Nicht schneller. Präziser.
Sie griff nach dem Notizbuch.
Die Seiten flimmerten im fahlen Licht, das durch das Fenster fiel. Die Tinte wirkte dunkler als sonst. Feucht. Sie roch nach Papier – und nach etwas Kaltem, Fremdem.
Ein paar Worte standen dort.
Sie wusste nicht, wann sie sie geschrieben hatte.
Oder ob sie es gewesen war.
Du bist nicht allein.
Der Satz fühlte sich nicht wie eine Botschaft an. Eher wie eine Feststellung, die keinen Adressaten brauchte. Er nahm keinen Zweifel weg. Er schnitt ihn nur sauber ab.
Liora ließ das Notizbuch sinken.
Das Zittern ließ langsam nach. Die Luft im Raum blieb jedoch verändert. Dichter. Gespannt. Als hätte die Stille selbst eine Form angenommen.
Sie saß lange da. Bewegte sich nicht. Die Finger verkrampft um den Rand des Buches.
Dann flackerte draußen ein Licht auf.
Ein Haus weiter. Im Fenster gegenüber.
Eine Gestalt stand dort. Still. Unbeweglich. Den Blick auf ihre Wohnung gerichtet.
Liora konnte das Gesicht nicht erkennen. Nur die Haltung. Die vertraute Ruhe der Schultern. Für einen Moment glaubte sie, jemanden zu erkennen. Eine Erinnerung an Nähe, die nicht überprüfbar war.
Sie blinzelte.
Das Licht war erloschen.
Die Stadt wirkte wieder ruhig. Schlafend.
Nur in ihr blieb ein leises Nachhallen. Kein Name. Kein Bild.
Nur das Wissen, dass etwas den Raum betreten hatte –
und ihn nicht vollständig wieder verlassen hatte.
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