Die Falte im Spiegel

Die Straßen glänzten noch vom Regen. Liora ging am späten Nachmittag durch die Innenstadt. Das Licht der Laternen zerfloss auf den nassen Steinen, sammelte sich in flachen Pfützen, brach sich an den Rändern. Die Dämmerung legte sich wie eine dünne Schicht über alles, machte die Stadt weich und zugleich unzuverlässig.

Sie blieb stehen, ohne es zu wollen.

Vor ihr lag ein Schaufenster. Alt. Das Glas war leicht verzogen, unruhig, als hätte es nie ganz gelernt, still zu stehen. Die Spiegelung der Straße wirkte verschoben, minimal zeitversetzt. Menschen gingen vorbei und schienen einen winzigen Moment zu spät zu reagieren.

In der Auslage stand ein kleiner Rahmen. Vergoldet. Schlicht. Kein besonderes Stück. Und doch hielt er ihren Blick fest – nicht wegen seiner Form, sondern wegen der Stille um ihn herum.

Für einen Augenblick flimmerte etwas. Kein Lichtreflex. Kein Staub. Eher eine Irritation der Oberfläche, als hätte jemand die Wirklichkeit an dieser Stelle kurz falsch gefaltet.

Liora spürte ein Ziehen im Bauch. Scharf. Präzise. Nicht unangenehm, aber eindeutig. Sie neigte den Kopf. Suchte nach dem, was sie nicht sah.

Dann war es vorbei.

Der Rahmen stand still. Normal. Die Spiegelung gehorchte wieder den Regeln.

„Ein Spiel des Lichts“, murmelte sie. Die Worte klangen hohl.

Sie öffnete die Tür.

Der Laden roch nach alten Büchern, Wachs und Politur. Die Geräusche der Straße fielen abrupt ab. Liora ging langsam zwischen den Auslagen hindurch, ließ die Finger über Holz und Glas gleiten. Kleine Schachteln. Figuren. Spiegel.

Der Platz im Schaufenster war leer.

Kein Rahmen. Kein Hinweis. Nicht einmal eine Lücke, die etwas verraten hätte.

„Entschuldigen Sie“, sagte sie schließlich.

Die Verkäuferin sah auf. Eine ältere Frau mit ruhigem Blick.
„Ja?“

„Draußen… im Fenster. Da stand eben ein kleiner Rahmen.“

Die Frau runzelte leicht die Stirn, blickte zur Auslage.
„Hier stand heute nichts.“

„Vergoldet“, fügte Liora hinzu. Dann schwieg sie.

Die Frau schüttelte den Kopf. „Nein.“

Mehr sagte sie nicht.

Liora nickte. Ein automatisches Nicken, als hätte sie diese Antwort einkalkuliert. Der Raum fühlte sich plötzlich voll an. Nicht warm. Nicht kalt. Gesättigt. Als hätte etwas kurz existiert und sei wieder entfernt worden, ohne Spuren zu hinterlassen.

Sie verließ den Laden.

Draußen lag die Stadt unverändert da. Das Pflaster glänzte. Die Menschen gingen weiter. Liora lehnte sich einen Moment gegen das Glas des Schaufensters. Es war kalt. Fest. Still.

Der Weg nach Hause zog sich. Oder verkürzte sich. Sie hätte es nicht sagen können.

Als sie die Wohnung betrat, brannte Licht. Kerzenlicht. Selene saß am Tisch, ein Glas Wein vor sich. Sie sah auf, als hätte sie Liora erwartet – oder als hätte sie einfach nicht aufgehört zu warten.

„Du bist früh“, sagte sie.

Liora setzte sich. Selene schob ihr ein Glas hinüber. Ihre Finger berührten sich kurz. Die Berührung war real. Warm. Gegenwärtig.

„Du wirkst abwesend“, sagte Selene.

Liora dachte an das Schaufenster. An den Rahmen. An den Moment, der keiner gewesen war.
„Ich habe etwas gesehen“, sagte sie. Dann schwieg sie.

Selene wartete. Fragte nicht nach.

„Oder auch nicht“, fügte Liora hinzu.

Selene nickte langsam. Kein Verstehen. Kein Widerspruch. Nur Anwesenheit.

Draußen spiegelte sich das Licht der Straße in den nassen Steinen. Keine Falte. Kein Flimmern. Nur Oberfläche.

Doch in Liora blieb eine Leerstelle zurück.
Nicht dort, wo etwas war –
sondern dort, wo es hätte sein können.

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