5% Menschlichkeit
Der Automatenraum der Bank ist warm. Draußen nicht.
Er sitzt in der Ecke, neben ihm sein Hund. Sie sind nicht wegen des Geldes hier, sie haben keins. Sie sind hier, um sich aufzuwärmen.Ein Mensch, etwa in meinem Alter. Gepflegt, dafür, dass die Straße sein Zuhause ist. Er ist einfach da.
Ich ziehe mein Geld. Mein Lohn ist heute gekommen. Nach Abzug meiner Fixkosten bleiben mir 280 Euro für den Monat. Für Essen, für Hygiene, für alles.
Ich gehe zu Rewe. Zwei warme Bratenbrötchen. Zwei große Dosen Hundefutter. Kausticks. Und zwei Dosen Bier. Ich dachte, ich mache ihm damit eine Freude. Etwas Warmes, etwas Leckeres, für einen Moment Alltag.
Ich gehe zurück und frage, ob ich mich zu ihm setzen darf. Er sagt ja.
Ich setze mich auf den Boden zu ihm. Wir reden auf Augenhöhe.
Ich frage ihn, ob er und sein Hund Hunger haben. Eigentlich kenne ich die Antwort. Aber einfach das Essen hinzustellen, ohne zu fragen, fühlte sich respektlos an. Er bejaht es.
Dann biete ich ihm das Bier an. Er lehnt ab. Er trinkt nicht mehr, sagt er.
Mein eigenes Vorurteil starrt mich aus der Tüte an.
Ich gebe ihm die Brötchen und das Futter für den Hund. Wir reden ein paar Minuten. Über Belangloses. Über nichts Besonderes.
Ich vergesse zu fragen, wie er heißt. Oder wie sein Hund heißt. Das ärgert mich später mehr als alles andere.
Diese zwanzig Euro fehlen mir jetzt.
Aber das bedeutet für mich: Ich trinke diesen Monat ein paar Bier weniger. Sonntags gibt es kein Gulasch, keinen Braten. Stattdessen Nudeln mit Hackfleischsoße.
Das ist es mir allemal wert. Denn ich weiß, wie es ist. Und ich weiß, was dieser Moment für ihn bedeutet hat – und für seinen Hund.
Ein warmer Magen. Ein voller Napf. Und einmal nicht unsichtbar zu sein.
Warum ist das so schwer?
Warum kann nicht jeder Mensch fünf Prozent geben? Nur fünf Prozent von dem, was er hat. Viele müssten nicht einmal verzichten. Sie müssten nur aufhören, Menschen wie ihn zu übersehen.
Ich bin keine Heilige. Ich will keinen Applaus dafür und keinen Platz im Himmel. Ich war selbst ganz unten, vor über zwanzig Jahren. Straße. Sucht. Dreck. Ich kenne diesen Boden.
Und genau deshalb frage ich mich, was die Ausrede derer ist, die ihn nie berührt haben. Warum endet für sie die Menschlichkeit an der Bordsteinkante?
Das Wertvollste, was wir geben können, kostet keinen Cent: Menschlichkeit.
Einfach fragen. Zuhören. Da sein.
Einen Menschen wie einen Menschen behandeln – nicht wie ein Hindernis auf dem Weg zum nächsten Termin.
Ein unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis. Ganz ohne Black Friday Rabatte – und doch unbezahlbar.
Menschlichkeit hat kein Preisschild, aber einen unschätzbaren Wert.
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