wischen Licht und Glas

Der Morgen begann leise. In der kleinen Küche ihrer Wohnung war es noch schummrig. Das diffuse Licht der Sonne fiel durch das alte, leicht verzerrte Fenster und zeichnete schmale, flimmernde Linien auf den Holzboden.

Ein leises Vogelgezwitscher mischte sich mit dem Rauschen der Stadt, das noch wie etwas Entferntes klang.

Liora stand am Spülbecken, goss sich den zweiten Kaffee ein und beobachtete, wie sich der Dampf langsam in der Luft verlor. Die Welt wirkte klar. Unaufdringlich. Als hätte sie etwas zurückgehalten.

Nach dem Frühstück schlüpfte sie in ihre Jacke, griff die Tasche und trat hinaus auf den Bürgersteig.

Die Straßen waren noch leer, der Asphalt glänzte feucht vom nächtlichen Regen. Es gefiel ihr, so früh unterwegs zu sein – es fühlte sich an wie ein stiller Moment, der nicht für sie gedacht war. Die Stadt hielt den Atem an, ein Spiegel der Menschen, die noch schliefen. Liora atmete tief ein, spürte den kühlen Morgen wie eine feine Schicht auf der Haut. Da war der Geruch von nassem Stein, dazu Erde und das ferne Aroma von Holzrauch. Sie hörte das vereinzelte Quietschen einer Straßenbahn in der Ferne, das leise Klappern einer Mülltonne.

Für einen Augenblick war alles still. Als gäbe es nichts, das sie gerade erreichen konnte.

Am Eingang des Parks traf sie auf Mila, ihre beste Freundin, die bereits auf einer Bank saß, den Rucksack neben sich, und langsam auf einem Stück Brot kaute.

„Du bist früh“, sagte Mila. Ihr Ton war leicht. Sie lachte kurz.

Liora setzte sich dazu und lächelte nur flüchtig. Etwas Verlässliches lag in Milas Präsenz. Etwas, das nicht bleiben würde.

„Ich mag die Stille“, sagte Liora.

Gemeinsam schlenderten sie den schmalen Kiesweg entlang, redeten über die kleinen Ereignisse des Alltags. Mila erzählte von der Bäckerei, von Brötchen für das Team. Liora hörte zu, antwortete knapp. Sie genoss die Einfachheit dieser Nähe, ohne sie festhalten zu wollen.

Nach einer Weile trennten sich ihre Wege. Mila bog zur Bäckerei ab, Liora ging allein weiter.

Sie war auf dem Weg zu ihrer Arbeit in der kleinen Redaktion, die auf Kunst und Kultur spezialisiert war. Im Eingangsbereich des alten Gebäudes hallten ihre Schritte leise wider. Die hohen Decken hielten jedes Geräusch einen Moment zu lange fest.

Als Liora die Redaktion im zweiten Stock betrat, war es bereits lebhaft. Telefone klingelten, Tassen klirrten. Auf den Bildschirmen flackerten Bilder von Galerien und Bühnen. Liora setzte sich an ihren Schreibtisch am Fenster.

Das alte Fensterglas brach das Licht leicht. Liora sah die gegenüberliegenden Häuser – und etwas dazwischen. Ein Flimmern. Nicht dauerhaft genug, um es festzuhalten.

Sie rieb sich die Augen. Als sie wieder hinsah, war es verschwunden. Nur ihr eigenes Spiegelbild blickte ihr entgegen.

Die Stunden vergingen mit Korrekturen und Texten. Mittags holte sie ihr Lunchpaket hervor – einen Apfel, etwas Gemüse, Joghurt.

Im kleinen, stillen Innenhof traf sie auf Selene, die Künstlerin mit dem Atelier im selben Haus. Selene saß auf einer steinernen Bank, den Zeichenblock auf den Knien.

Als Liora sie sah, spürte sie das vertraute Kribbeln in der Brust. Selenes Augen ruhten nicht auf der Welt. Sie schienen an etwas vorbeizusehen.

Die Nähe reichte.

Liora setzte sich ihr gegenüber.

„Was zeichnest du?“, fragte sie leise.

Selene lächelte, ohne den Blick zu heben. „Die Melodie der Stille.“

Auf dem Block lagen keine klaren Linien. Es waren fließende, organische Flächen aus diffusem Licht, ineinander verschoben, als stammten sie aus einer Erinnerung, die nicht vollständig war.

Sie schwiegen. Liora reichte Selene ein Stück Apfel. Ihre Fingerspitzen berührten sich kurz. Etwas zog sich zusammen und löste sich wieder.

Die Unruhe war nicht verschwunden. Nur woanders.

Als Liora aufstand, drehte sie sich noch einmal um. Selene sah ihr nach. Wohin ihr Blick ging, blieb offen.

Der Heimweg am Abend war gedrängter. Die Stadt war laut geworden, voller Bewegung. Der Kontrast zum Morgen schnitt scharf. Liora bog in eine Seitenstraße ab, holte sich eine schnelle Mahlzeit und aß sie unterwegs.

In ihrer Wohnung schaltete sie das Licht ein. Sie stellte die Reste beiseite und sah zum alten Fenster.

Diesmal verschwand das Flimmern nicht.

Liora schloss die Augen.

Als sie sie wieder öffnete, war nicht klar, ob der Raum noch derselbe war.

Die Stille in Lioras Wohnung hatte ihr Gewicht verändert.

Sie lag nicht mehr gleichmäßig im Raum. Sie sammelte sich. In Ecken. An Kanten. Hinter Dingen, die zuvor nur Dinge gewesen waren. Die Luft schien dichter, nicht schwerer – als hätte sie beschlossen, Bewegungen langsamer durchzulassen.

Liora saß auf dem Sofa. Ein Buch lag aufgeschlagen in ihrem Schoß. Sie hatte seit Minuten nicht umgeblättert.

Das Flimmern war nicht zurückgekehrt.
Und genau das machte es unerträglich.

Sie legte das Buch beiseite. Der Raum reagierte nicht. Kein Geräusch, kein Widerhall. Nur diese glatte, spannungsvolle Ruhe, die sich nicht auflösen ließ.

Das Handy vibrierte.

Eine Nachricht von Selene:
Gute Nacht.

Liora sah den Text an, länger als nötig. Sie antwortete nicht. Nicht, weil sie es nicht wollte – sondern weil jede Antwort sich wie eine falsche Setzung anfühlte.

Die Nacht schob sich näher an die Fenster. Das Licht der Straßenlaternen fiel gedämpft herein und blieb an der Wand hängen. Dort, wo das Fenster endete, wirkte der Schatten dichter.

Liora stand auf.

Sie trat näher. Nicht aus Entschlossenheit. Eher, weil der Raum sie dorthin geführt hatte, ohne dass sie es bemerkt hätte.

Die Wand fühlte sich kühl an. Fester als erwartet. Und doch… nicht abgeschlossen.

Etwas dahinter entzog sich der Vorstellung von Tiefe. Es war kein Raum. Kein Hohlraum. Es war eher eine Abwesenheit von Widerstand.

Liora zog die Hand zurück.

Der Moment hätte enden können. Tat er aber nicht.

Ein kaum wahrnehmbares Brummen setzte ein. Nicht hörbar. Es entstand nicht im Raum. Es entstand zwischen ihr und der Wand. Als hätte sich dort ein Abstand geöffnet, der vorher nicht existiert hatte.

Ihr Atem passte sich an, ohne dass sie es wollte.

Das Brummen veränderte sich. Nicht lauter. Nicht schneller.
Nur näher.

Liora legte die Hand erneut an die Wand.

Die Oberfläche gab nicht nach. Sie veränderte sich auch nicht sichtbar. Aber etwas an ihr war falsch geworden. Das Holz fühlte sich nicht mehr wie Material an, sondern wie eine Grenze, die vergessen hatte, wozu sie da war.

Liora zog die Stirn kraus. Sie presste nicht. Sie suchte keinen Durchgang.

Der Gedanke, dass dies eine Entscheidung sein könnte, stellte sich kurz ein – und zerfiel sofort. Es gab nichts zu entscheiden. Die Situation war bereits jenseits davon.

Das Brummen wanderte. Es saß jetzt nicht mehr an der Wand. Es saß in ihr. Nicht schmerzhaft. Nicht fremd. Eher wie ein Echo, das keine Quelle mehr brauchte.

Liora ließ die Hand sinken.

Die Wand blieb.

Für einen Moment – oder etwas, das sich wie ein Moment anfühlte – geschah nichts.

Dann veränderte sich das Licht.

Nicht im Raum. Nicht am Fenster.
Direkt an der Stelle, an der ihre Hand eben noch gelegen hatte.

Die Oberfläche wirkte dunkler. Glatter. Sie reflektierte nicht. Sie absorbierte. Als hätte das Material beschlossen, Licht nicht mehr zurückzugeben.

Liora trat einen halben Schritt zurück.

Das Brummen verstummte nicht. Es blieb. Wartend.

Sie stand lange so da. Bewegte sich nicht näher. Bewegte sich nicht weg.

Irgendwann bemerkte sie, dass sie den Raum hinter sich nicht mehr wahrnahm. Nicht, weil er verschwunden wäre – sondern weil er keine Rolle mehr spielte.

Die Wand war nicht offen.
Sie war auch nicht geschlossen.

Liora hob die Hand erneut.

Und hielt inne.

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