Die bequeme Wut

Es gibt eine Enttäuschung, die nicht laut ist.
Sie sitzt tief.

Sie entsteht, wenn Menschen merken, dass ihr Leben nicht das geworden ist, was ihnen versprochen wurde – und sie dann nicht nach oben schauen, sondern nach unten treten.

Deutschland ist enttäuscht.
Von der Regierung. Von einem System, das kompliziert ist, langsam, widersprüchlich.

Das verstehe ich.
Dass ich das verstehe, heißt nicht, dass ich es akzeptiere.

Was ich nicht mehr verstehe, ist die Konsequenz, die daraus gezogen wird.
Aus Enttäuschung wird Wut.
Aus Wut wird Radikalisierung.
Und aus Radikalisierung wird ein Kreuz bei einer Partei, deren politisches Angebot im Kern daraus besteht, Schuldige zu benennen, bevorzugt solche, die sich schlecht wehren können.

Plötzlich sind es „die Ausländer“.
Plötzlich sind es „die queeren Menschen“.
Plötzlich sind es wieder wir, die als Blitzableiter herhalten müssen für einen Frust, der ganz woanders hingehört.

Das ist kein Protest.
Das ist eine Kapitulation vor der eigenen Verantwortung.

Es wird von „Kriminalität“ gesprochen, während Menschen bedroht werden.
Vor „Gewalt“ gewarnt, während queere Menschen angegriffen, beleidigt, bespuckt werden.
„Ordnung“ gefordert, während Angst produziert, Nachbarschaften vergiftet und Minderheiten zu Zielscheiben erklärt werden.

Nennt man das Gesetzestreue?
Nennt man das Anstand?
Oder ist Gewalt nur dann ein Problem, wenn sie von denen ausgeht, die ohnehin verachtet werden?

Es ist schwer zu ertragen, wie bereitwillig Verantwortung an der Garderobe des Populismus abgegeben wird – gemeinsam mit Denken, Differenzierung und historischer Erinnerung. Das wird dann „Rebellion“ genannt, ist aber nichts weiter als das willige Wiederholen von Parolen, die auf ein Plakat passen.

Wer so wählt, wählt keine Veränderung.
Er wählt Stillstand mit Feindbild.
Eine Politik, die nach unten tritt, nach oben buckelt und das als „Mut zur Wahrheit“ verkauft.

Neu ist daran nichts.
1932 klang es schon einmal so: Wir sind nicht schuld. Die anderen sind es.

Erschreckend ist nicht die Parallele, sondern die Bequemlichkeit, mit der sie ignoriert wird. Geschichte wiederholt sich nicht aus Zwang, sondern aus Entscheidung oder aus der Weigerung, sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Es ist einfacher, Minderheiten zu hassen, als Machtverhältnisse zu analysieren.
Einfacher, auf queere Körper oder Migranten zu zeigen, als sich einzugestehen, dass komplexe Probleme keine einfachen Schuldigen haben.
Einfacher, sich im Kollektiv aufzulösen, als die eigene Wut auszuhalten.

So werden wir zu Projektionsflächen.
Nicht, weil wir mächtig wären, sondern weil wir sichtbar sind.
Weil wir anders sind.
Weil wir existieren.

Wir sind kein politisches Problem.
Wir sind nur ein Ziel.

Vielleicht wäre es an der Zeit, die Wut dorthin zu lenken, wo sie hingehört:
zu Entscheidungen, zu Strukturen, zu Programmen, nicht zu Parolen.

Und irgendwann wird es still.
Keine Plakate mehr.
Keine Schuldigen mehr.

Nur die Frage, ob dann noch klar ist, wofür diese Wut die Menschlichkeit gekostet hat.

 

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